Wenn Betroffene zu HelferInnen werden

Montag, 13. August 2018
Die Lebenssituation von syrischen Flüchtlingsfamilien in Jordanien ist prekär. Viele leben bereits seit fünf Jahren oder länger in der Fremde. Aus ihrer Heimat konnten sie nicht viel mitnehmen. Das, was sie an Ersparnissen zur Seite gelegt hatten, ist längst aufgebraucht. Eine Arbeitserlaubnis besitzen nur wenige und die steigende Inflation treibt die Mietkosten und Lebensmittelpreise immer weiter in die Höhe. Frauen, alleinerziehende Mütter und ihre Kinder sind besonders gefährdet, in einen Teufelskreis von Armut, Ausgrenzung und Missbrauch abzudriften.

Khadija und ihre Kinder

Khadija lebt seit fünf Jahren mit ihrer Tochter Leila und ihren beiden Söhnen Mizien und Median in East Amman. Foto: Christoph Püschner/Diakonie Katastrophenhilfe
Khadija lebt seit fünf Jahren mit ihrer Tochter Leila und ihren beiden Söhnen Mizien und Median in East Amman. Foto: Christoph Püschner/Diakonie Katastrophenhilfe

Khadija (32) kennt diese Situation nur zu gut. Vor fünf Jahren ist sie mit ihren drei Kindern Mizien (7), Leila (12) und Median (9) aus der Umgebung von Damaskus nach Jordanien geflüchtet. Ihr Mann war bereits ein paar Monate früher nach Jordanien gekommen, um alles für die Ankunft seiner Familie vorzubereiten. Er wollte eine Wohnung suchen, einen Job besorgen und seiner Familie ein Einkommen sichern bis sie wieder nach Syrien zurückkehren konnten - das war zumindest der Plan.

Doch kurz nachdem Khadija in Amman einreiste, musste ihr Mann wieder nach Syrien zurückkehren, um seine schwerkranke Mutter zu pflegen. Aufgrund des zunehmenden Konflikts wurden die Grenzen zwischen Jordanien und Syrien komplett abgeriegelt – eine Rückreise wurde für ihn unmöglich. Ihre Familie wurde zerrissen.

Weg aus der Hoffnungslosigkeit

Khadija war plötzlich völlig auf sich alleine gestellt. Sie zog sich ein Jahr lang zurück – das fehlende Einkommen und die damit verbundene soziale Ausgrenzung erschwerten ihr den Alltag in Amman. „Ich habe mich nicht getraut, das Haus zu verlassen“, erzählt sie. Ihr Mann in Syrien und ihre Schwägerin waren ihre einzigen Ansprechpersonen. Sie wusste, dass sie ihr Leben wieder in die Hand nehmen musste, um zu überleben. Sie begann, ein soziales Netzwerk aufzubauen und machte sich auf die Suche nach Arbeit. „Ich wollte etwas Würdevolles machen und mich einbringen in die Gesellschaft“, berichtet Khadija. Über ihre Schwägerin lernte sie eine lokale Partnerorganisation IFH (Institute for Health) der Diakonie Katastrophenhilfe in Amman kennen. Dort erfuhr sie von der Möglichkeit, als Freiwillige zu arbeiten und ein kleines Einkommen zu verdienen.

Ich gehe von Tür zu Tür, besuche Familien aus Syrien und Jordanien, die Kinder mit Behinderung haben und dringend Unterstützung benötigen.

Selbst Teil der Hilfe

Eine Volontärin in einem Projekt der Diakonie Katastrophenhilfe in East Amman.
Eine Volontärin in einem Projekt der Diakonie Katastrophenhilfe in East Amman. Foto: Christoph Püschner/Diakonie Katastrophenhilfe
Seit einigen Monaten ist Khadija für die lokalen Partnerorganisationen der Diakonie in Amman im Einsatz. „Ich gehe von Tür zu Tür, besuche Familien aus Syrien und Jordanien, die Kinder mit Behinderung haben und dringend Unterstützung benötigen“, berichtet Khadija von ihrer Tätigkeit. „Ich kann ihre Situation sehr gut verstehen. Vieles, von dem sie mir erzählen, habe ich selber erlebt. Jetzt helfe ich ihnen in ihrer verzwickten Situation“.


Neben Khadija sind noch weitere Teams mit Freiwilligen im Einsatz. Sie erfassen die Daten von Familien mit Menschen mit Behinderung im Haushalt, befragen sie und begleiten sie in weiterer Folge bei den Hilfsmaßnahmen. Kinder und Jugendliche erhalten Hör- und Sehbehelfe, Zugang zu Schulen oder Plätze für Berufsausbildungen. „Immer wenn ich die Gesichter der Menschen sehe, denen geholfen wurde, dann weiß ich, dass ich das Richtige mache. Kleinigkeiten wie eine Brille oder ein Hörgerät können ihr Leben verändern. Das motiviert mich immer wieder aufs Neue“, erzählt Khadija.

Mit ihrem ersten Gehalt konnte sie ihre Miete wieder selber bezahlen. „Das ist für mich der größte Segen. Ich kann wieder selbstständig leben und meine Kinder versorgen.“

Millionen Menschen sind auf der Flucht und bedroht von Hunger, Krieg und den Auswirkungen des Klimawandels. Sie sind angewiesen auf unsere Solidarität.

Die Diakonie Katastrophenhilfe hilft vor Ort - und das seit fast 50 Jahren. Wir sind da für Menschen, die nach Naturkatastrophen oder durch Krieg und Gewalt in eine Notlage geraten, die sie nicht mehr aus eigener Kraft bewältigen können. Wir arbeiten mit Partnerorganisationen aus dem jeweiligen Land. Unsere Helfer*innen sprechen die Sprache der betroffenen Bevölkerung.