Rohynga ++ Situation wird sich in der Regenzeit verschärfen

Mittwoch, 14. Februar 2018
  • Die Unterbringungen im Flüchtlingscamp an der Grenze zwischen Bangladesh und Myanmar bieten notdürftigen Schutz vor der Witterung. ©Paul Jeffrey/ACT
    Die Unterbringungen im Flüchtlingscamp an der Grenze zwischen Bangladesh und Myanmar bieten notdürftigen Schutz vor der Witterung. ©Paul Jeffrey/ACT
Tommy Bouchiba ist als Nothilfekoordinator für die Diakonie Katastrophenhilfe im Einsatz und berichtet in einem Interview über die aktuellen Situation der Rohynga im derzeit größten Flüchtlingscamp der Welt in Bangladesh. Etwa 600.000 Menschen haben sich seit August 2017 dort niedergelassen und sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. [Interview: Thomas Beckmann]

Herr Bouchiba, Sie kommen gerade aus Bangladesch zurück, wo im derzeit größten Flüchtlingscamp der Welt etwa 600.000 vertriebene Rohingya leben. Was macht im Moment die größten Probleme?

Alles, was mit Wasser zutun hat. Seit dem Ausbruch der Krise wurden ungefähr 4.000 Brunnen gebohrt, davon ist aber etwa die Hälfte nicht mehr benutzbar, weil sie verseucht sind. Die riesigen Flüchtlingslager an der Grenze zu Myanmar mussten im Prinzip von heute auf morgen aus dem Boden gestampft werden, weil im August 2017 in sehr kurzer Zeit sehr viele Menschen über die Grenze gekommen sind.

Dabei wurden natürlich auch Fehler gemacht. Zum Beispiel stehen einige Brunnen so nah an Latrinen, dass das Wasser automatisch verseucht wird. Dazu kommt, dass einige Vertriebene, vor allem Kinder, direkt vom Klo zur Wasserpumpe gehen und sie mit schmutzigen Händen bedienen. Der Brunnen ist damit im Prinzip kontaminiert und nicht mehr zu benutzen.

Wie kann man das lösen?

Es müssen dringend neue Latrinen gebaut und alte dicht gemacht werden, denn von ihnen geht die größte Gefahr aus. Die Latrinen sind im Sommer vergangenen Jahres behelfsmäßig gebaut worden. Nur wenn die brunnennahen Latrinen geschlossen werden besteht keine Seuchengefahr, wenn es im Frühjahr anfängt zu regnen. Da sprechen wir von 10.000 Latrinen, was ungefähr ein Viertel aller Latrinen in den Camps ausmacht. Dazu kommen 3.000 weitere Toiletten, die definitiv überflutet werden, wenn der erste Regen kommt. Dann würden Fäkalien über die Wege und zwischen den Unterkünften umher schwimmen, eine nicht abzuschätzende Gefahr für die Menschen.

Die neuen Latrinen müssen zumindest etwas stabiler sein, um nicht sofort das Grundwasser zu verseuchen. Erst dann sind die Brunnen wieder sicher und die Menschen können sich wieder überall Wasser zum Trinken und zum Kochen besorgen.

Sie sprachen eben von den Unterkünften, in den die Rohingya leben. Wie können wir uns die vorstellen?

Die Regierung in Bangladesch erlaubt als Baumaterial nur Bambus und Planen. Es gibt also keine Häuser oder ähnliches, sondern nur behelfsmäßige Hütten oder Zelte. Es wird ja auch schon seit Monaten über die Rückkehr der Rohingya nach Myanmar diskutiert und es ist klar, dass die Behörden in Bangladesch keine langfristigen Lösungen anstreben. Sie erlauben nur unbefestigte Unterkünfte für die Flüchtlinge, denn sie sollen möglichst bald nach Myanmar zurückkehren. Den Rohingya wird nicht erlaubt, die Camps zu verlassen und weiter ins Landesinnere vorzudringen. Wenn allerdings im Sommer nicht nur Regen kommt, sondern auch ein Zyklon über die Camps hinweg fegt, sind die Menschen der Natur schutzlos ausgeliefert, dann steht wahrscheinlich kaum noch ein Zelt. Dann stehen Hunderttausende vor dem Nichts. Die UN verteilt im Moment neues Baumaterial, damit die Hütten und Zelte zumindest ein bisschen sicherer gebaut werden können.

Im April werden die ersten Regenfälle erwartet. Wie lange können die Menschen denn noch in den riesigen Camps bleiben?

Neben den schlechten Unterkünften sind in den Camps auch die Straßen kaum befestigt. Das funktioniert jetzt noch gerade so, aber sicher nicht mehr, wenn der Monsun losgeht. In den kommenden Monaten müssen etwa 200.000 Flüchtlinge in andere Teile der Camps umgesiedelt werden, weil klar ist, dass ihre Hütten überflutet werden. Außerdem wurden in den unkontrollierten ersten Wochen nach Ausbruch der Krise viele Zelte an steilen Hängen errichtet. Wenn der Regen einsetzt, wird der Boden an vielen Stellen keinen Halt mehr bieten. Die Menschen werden im Schlamm ihre Unterkünfte dann kaum noch erreichen können. Und viele Zelte werden einfach die Hänge herabrutschen.

Die Organisationen stehen also vor riesigen Herausforderungen. Was macht die Diakonie Katastrophenhilfe vor Ort und wie sehen die Planungen für die nächsten Monate aus?

Über einen unserer lokalen Partner bauen wir neue Latrinen mit einem zugehörigen Abwassertank, der regelmäßig geleert werden kann und die Verbreitung von Seuchen verhindert. Außerdem verteilen wir Decken und Babykleidung, um den Menschen das Leben in den Hütten und Zelten zumindest etwas zu erleichtern. Ein weiteres Problem ist, dass die Rohingya kaum Brennstoff zum Kochen haben. Hierfür verteilen wir eine Art Reis-Brikett, damit die Menschen nicht die umliegenden Wälder abholzen müssen. Denn das ist nicht nur für die Natur eine immense Belastung sondern verschärft auch die Spannungen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen.

Wir planen, in den kommenden Wochen auch im südlichen Teil der riesigen Flüchtlingscamps zu arbeiten, hier sind deutlich weniger Hilfsorganisationen aktiv, der logistische Aufwand ist nochmal größer. Dort geht es vor allem darum, den Menschen sauberes Trinkwasser zu beschaffen, denn im Süden gibt es keinen Grundwasserspiegel, das Brunnenbohren ist nutzlos. In solchen Fällen müssen wir das Wasser in großen Tanklastern zu den Menschen bringen.